Wie ich versuche, mein Nervensystem mit Bergsteigen zu regulieren
Oder: Warum ich im Februar freiwillig auf den Schneeberg steige
Ich habe eine Theorie.
Wenn dein Körper sowieso dauerhaft so tut, als würde gleich irgendetwas eskalieren, kannst du ihm auch einfach einen echten Berg geben.
Also standen Merlin, Fritzi und ich im Februar am Fuß des Schneebergs. Es war kalt. Nicht süßes Pinterest Winter Date kalt. Sondern warum habe ich mich freiwillig aus meinem warmen Bett bewegt kalt.
Ich lebe gefühlt im Dauerstress. Mein Kopf hat immer zehn offene Tabs. To do Listen, Zukunft, Nachrichten, Erwartungen. Selbst an ruhigen Tagen fühlt sich mein Nervensystem an wie ein Laptop, der seit Wochen nicht neu gestartet wurde.
Und dann kam die glorreiche Idee. Wandern. Im Februar. Auf einen Berg.
Tiefschnee als Reality Check
Die ersten Meter waren romantisch. Knirschender Schnee, klare Luft, Fritzi springt herum wie ein kleines Kind auf einem Energy Drink. Merlin läuft ruhig vorneweg, dieser Mensch, der selbst im Schneesturm noch strukturiert wirkt.
Und dann kam der Tiefschnee.
Bis. Zum. Po.
Jeder Schritt war ein kleines Krafttraining. Mein Bein versank, ich fluchte, zog es wieder raus, nur um direkt erneut einzusinken. Während ich innerlich meine Lebensentscheidungen überprüfte, war mein Körper plötzlich komplett beschäftigt.
Kein Platz für Overthinking, wenn du gerade versuchst, dich aus einem Schneeloch zu befreien, ohne würdelos auszusehen.
Mein Dauerstress hatte endlich eine echte Aufgabe. Herzklopfen wegen Anstrengung. Schneller Atem wegen Höhenmeter. Nicht wegen Gedanken, die sich im Kreis drehen.
Co Regulation auf Österreichisch
Merlin dreht sich immer wieder um und sagt Dinge wie „Langsam“ und „20 Schritte und dann Pause “. Was auf einem Berg sehr sinnvoll klingt, aber auch erstaunlich gut auf mein ganzes Leben passt.
Fritzi hingegen lebt komplett im Jetzt. Er springt. Er fällt halb rein. Er schüttelt sich. Er macht weiter. Kein Drama. Kein Gedankenkreisel. Nur Schnee und Freude.
Ich merke, wie mein Körper sich langsam anpasst. Wie die Anspannung eine Richtung bekommt. Bewegung statt Grübeln. Kälte statt Kopfkino. Präsenz statt Panik.
Vielleicht ist das der Trick. Nicht weniger fühlen. Sondern dem Gefühl einen Kontext geben.
Ist das Selbstfürsorge oder einfach nur Wahnsinn
Irgendwann stehe ich da, komplett durchgeschwitzt unter drei Schichten, Haare wahrscheinlich gefroren, und schaue auf diese absurde Winterlandschaft. Alles weiß. Alles still. Mein Kopf ist leiser.
Nicht leer. Aber leiser.
Dauerstress bedeutet oft, dass selbst ein ruhiger Tag sich innerlich laut anfühlt. Aber hier oben darf mein Körper laut sein. Er arbeitet. Er kämpft sich durch Schnee. Er hat einen Grund, aktiviert zu sein.
Und plötzlich fühlt sich diese Aktivierung nicht bedrohlich an. Sondern kraftvoll.
Fazit vom Schneeberg
Ich werde nicht von heute auf morgen ein entspannter Mensch. Ich werde weiterhin zu viel planen, zu viel denken, zu viel fühlen.
Aber vielleicht ist Regulation nicht die Kunst, alles auszuschalten. Vielleicht ist es die Kunst, sich bewusst Herausforderungen zu suchen, die dich ins Hier und Jetzt zwingen.
Ein Februartag am Schneeberg. Tiefschnee bis zum Po. Ein ruhiger Freund. Ein völlig unbeeindruckter Hund. Und ich, irgendwo dazwischen, atme, fluche, lache.
Und während ich versuche, würdevoll den nächsten Schritt zu setzen, frage ich mich:
Wenn mein Körper lernt, dass ein Berg keine Bedrohung, sondern eine Aufgabe ist…
kann ich dann vielleicht auch lernen, dass nicht jeder stressige Gedanke sofort ein Notfall ist?