Die wichtigste Lehre aus einer Krankheit heraus
Mein Körper hat mir ein Ultimatum gestellt. Nicht mit Worten, sondern mit Schmerzen, mit dieser Müdigkeit, die nicht weggeht, egal wie viel du schläfst. Mit diesem Gefühl, als würde ich gegen eine unsichtbare Wand laufen. Mein Körper hat gesagt: Stop. Jetzt.
Und ich habe endlich gehört.
Ich war die Person, die alles gleichzeitig machte. Vollzeitjob, Nebenprojekte, Freunde treffen, Sport, Lernen, Lesen, Netflix bingewatchen, Instagram scrollen, noch mehr Instagram. Ich war eine Maschine, die dachte, dass Ruhe Faulheit ist.
Dann kollabierte die Maschine.
Nicht dramatisch. Sondern subtil. Erst war ich einfach müde. Dann war ich müde und konnte mich nicht konzentrieren. Dann war ich müde, konnte mich nicht konzentrieren, und mein Körper tat weh. Ich ging zum Arzt und er sagte etwas, das ich nicht hören wollte: Du musst verlangsamen.
Nicht könntest. Musst.
Das war nicht optional. Das war ein Befehl von meinem Körper, und dieses Mal konnte ich ihn nicht ignorieren.
Die ersten Tage waren langweilig
Stell dir vor, du bist süchtig nach Bewegung, physisch und mental, und plötzlich kannst du nicht mehr. Dein Arzt sagt dir, dass du dich ausruhen musst. Vollständige Ruhe. Kein intensives Workout. Nicht stundenlang am Laptop sitzen. Nicht bis 2 Uhr nachts Netflix schauen.
Die ersten Tage waren frustrierend. Ich wollte wieder arbeiten. Ich wollte wieder rennen. Ich wollte einfach wieder ich selbst sein, diese Version von mir, die alles kann und alles macht.
Aber man kann nicht kämpfen gegen Müdigkeit. Man kann nicht verhandeln mit seinem Körper. Man kann nur nachgeben.
Also habe ich nachgegeben.
Der vierte Tag
Irgendwann saß ich vor meinem Küchenfenster. Kein Handy. Kein Laptop. Einfach nur Kaffee und Luft. Und zum ersten Mal seit ich nicht weiß wie lange, habe ich mein eigenes Denken gehört. Nicht das Rauschen, das ständig im Hintergrund lief. Das Rauschen von was muss ich noch tun, was habe ich verpasst, was sollte ich noch machen.
Das Rauschen war weg.
Stattdessen war da nur Stille. Und in dieser Stille habe ich angefangen, mich selbst zu vermissen.
Der Anfang vom Bloggen
Und dann habe ich etwas getan, das ich seit Jahren vorhatte aber nie gemacht habe. Ich bin anfangen zu schreiben. Nicht E-Mails oder Nachrichten. Sondern richtig schreiben. Über mein Leben, über das, was ich denke, über die Dinge, die mir durch den Kopf gehen.
Irgendwie hatte ich immer gedacht, dass ich das später mache. Wenn ich mehr Zeit habe. Wenn ich besser vorbereitet bin. Wenn ich weiß, was ich sage. Aber die Krankheit hat mir keine Zeit für diese Ausreden gegeben.
Stattdessen hat sie mir Zeit gegeben. Viel Zeit. Und plötzlich war das Schreiben nicht mehr eine Sache für später. Es war eine Sache für jetzt.
Ich fing an, einfach aufzuschreiben, was mir in den Sinn kam. Keine Perfektion. Keine Angst, dass es nicht gut genug ist. Nur ich und ein leeres Blatt. Und es war befreiend.
Das war der Moment, wo der Blog angefangen hat. Nicht weil ich einen Plan hatte oder eine Strategie. Sondern weil ich plötzlich Zeit hatte und Gedanken, die raus mussten.
Die Wiederentdeckung
Irgendwann habe ich angefangen zu malen. Ich hatte das als Kind gemacht, aber irgendwann zwischen Uni und Job und Freundinnen treffen und Feiern war es einfach weg. Ich hatte keine Zeit mehr dafür. Oder ich dachte, ich hätte keine Zeit. Wahrscheinlich beides.
Aber jetzt, während ich nur rumsaß, habe ich wieder angefangen. Und es war wie nach Hause kommen.
Nicht, weil ich gut darin bin. Meine Bilder sehen furchtbar aus. Aber genau das ist der Punkt. Es geht nicht um das Resultat. Es geht um das, was passiert, während ich male. Mein Gehirn schaltet ab. Mein Körper entspannt sich. Es fühlt sich an, als würde ich wieder atmen.
Dann habe ich wieder angefangen zu lesen. Nicht die Produktivitäts-Ratgeber, die ich immer las. Sondern Romane. Geschichten. Dinge, wo ich einfach abtauchen kann in eine andere Welt.
Ich bin auch spazieren gegangen. Lange Spaziergänge ohne Ziel. Nicht, um meine Schritte zu zählen oder meine Herzfrequenz zu messen. Einfach nur spazieren.
Was ich losgeworden bin
Aber es ist nicht nur eine Addition. Es ist auch eine Subtraktion.
Das erste, das weg war, ist dieser ständige Drang, mehr zu tun. Diese Stimme, die sagt das reicht nicht, du reicht nicht, tu mehr. Diese Stimme ist immer noch da, aber sie ist leiser. Viel leiser.
Ich habe auch gemerkt, dass viele der Dinge, die ich tat, mich nicht glücklich machten. Ich bin aus bestimmten WhatsApp-Gruppen gegangen. Nicht, weil die Menschen schlecht sind, sondern weil es mir Energie kostete, die ich nicht hatte. Ich habe aufgehört, zu jedem Essen zu gehen, zu jedem Event zu kommen. Ich habe angefangen, Nein zu sagen. Und die Welt ist nicht untergegangen.
Ich habe mein Handy einfach weniger benutzt. Nicht radikal, aber ich merke, dass ich nicht mehr bei allem dabei sein muss. Mein Nervensystem dankt mir dafür.
Das Reset
Das Verrückte ist, dass wenn dein Nervensystem runterfährt, merkst du erst, wie viel Müll du mit dir herumträgst. Wie viel Adrenalin in deinem Körper ist, weil du immer on bist. Und wenn du das loslässt, merkst du, dass das nicht normal ist.
Mein Körper heilt. Aber mehr noch, mein Nervensystem heilt. Ich schlafe besser. Ich bin weniger reizbar. Kleine Dinge freuen mich wieder. Eine gute Tasse Kaffee. Ein schöner Tag. Ein Gespräch mit jemandem, den ich mag.
Dinge, die früher zu klein waren, um sie zu bemerken, weil ich immer auf dem Weg zu etwas Größerem war.
Der Blog wurde real
Und durch all das ist der Blog auch real geworden. Nicht weil ich es geplant habe, sondern weil ich endlich Zeit hatte, es zu tun. Weil die Krankheit mir genau das gegeben hat, was ich brauchte: Raum, um zu denken. Raum, um zu schreiben. Raum, um zu sagen, was ich denke, ohne dass es gleich um Produktivität oder Erfolg geht.
Der Blog ist entstanden, weil ich plötzlich Dinge hatte, über die ich sprechen wollte. Echte Dinge. Mein Leben, meine Gedanken, das, was ich lerne, während ich versuche, wieder gesund zu werden.
Und jetzt ist es das Beste, das ich einfach nur für mich tue.
Die Ironie
Die Ironie ist, dass diese erzwungene Pause, die ich hasste, wahrscheinlich das beste ist, das mir passiert ist. Nicht, weil ich jetzt produktiver bin. Das bin ich nicht. Sondern, weil ich jetzt weiß, wie es sich anfühlt, nicht konstant auf Hochtouren zu laufen.
Und ich glaube nicht, dass ich jemals zurück zu dem alten Tempo gehe. Ich will nicht zurück. Ich will diesen Rhythmus halten. Diese Ruhe. Diese Fähigkeit, mein eigenes Denken zu hören. Diese Möglichkeit, die Dinge zu tun, die mir wirklich Freude bereiten.
Mein Körper hat mir nicht ein Ultimatum gestellt, um mich zu strafen. Er hat mir einen Geschenk gemacht. Ich brauchte nur gezwungen werden, um es anzunehmen.