Das Ding mit den Regeln und Ritualen

Oder auch wie ich wegen Chinese New Year nachts meine Haare gewaschen habe und plötzlich über mein Leben nachgedacht habe



Chinese New Year hat bei mir nicht mit roten Laternen begonnen, sondern mit einer Liste.

Dinge, die man nicht machen soll. Keine Haare schneiden. Nicht putzen. Nicht jammern. Keine negativen Worte. Ich habe das gelesen und kurz überlegt, ob ich offiziell schon disqualifiziert bin, bevor der Tag überhaupt angefangen hat.

Und trotzdem hat mich das Ganze sofort fasziniert. Vielleicht weil Regeln etwas Beruhigendes haben. 

Nicht im Sinne von Druck, sondern wie kleine Leitplanken für einen Moment, in dem man bewusst langsamer wird. Oder zumindest versucht, weniger zu meckern als sonst. Spoiler. Gar nicht so leicht.

Am 16. spät abends stand ich dann im Bad und habe mir sehr entschlossen die Haare gewaschen. Nicht weil ich plötzlich eine nächtliche Wellness Queen geworden bin, sondern weil ich gelesen hatte, dass man es am ersten Tag besser lässt. 

Und wenn schon Neubeginn, dann bitte ohne schlechtes Karma. 

Immerhin passiert das Jahr des Feuerpferdes nur alle sechzig Jahre. Da wollte ich wirklich nicht die sein, die aus reiner Bequemlichkeit ein kosmisches Drama startet.

Ich stand also da mit Shampoo in der Hand und dachte mir kurz, dass Carrie Bradshaw wahrscheinlich eine Kolumne darüber schreiben würde, wie absurd es ist, wegen eines Rituals mitten in der Nacht im Badezimmer zu stehen. Und gleichzeitig hatte es etwas Schönes. Wie ein kleines geheimes Zeichen an mich selbst. Okay, wir starten bewusst.

Der nächste innere Konflikt kam schneller als gedacht. Outfit Wahl. Angeblich bringt Rot Glück. Problem nur. Rot ist absolut nicht meine Farbe. Ich sehe darin aus wie ein übermotivierter Weihnachtsstern mit Identitätskrise. Also stand ich vor meinem Kleiderschrank und hatte einen inneren Dialog, der wahrscheinlich länger gedauert hat als jede wichtige Lebensentscheidung. Ziehe ich etwas an, das symbolisch richtig ist oder etwas, das wirklich nach mir aussieht.

Am Ende wurde es ein beeriges Pink. Nicht ganz rot, nicht ganz neutral. Ein diplomatischer Kompromiss zwischen Tradition und Selbstbild.

Und ich musste lachen, weil ich gemerkt habe, wie oft wir versuchen, irgendwo hineinzupassen, obwohl unser eigenes Gefühl eigentlich schon weiß, was richtig ist.

Um zwölf hatte ich dann einen Termin bei meiner Therapeutin. Und rückblickend hätte das nicht besser zu diesem Tag passen können. Wir haben über Ziele gesprochen. Über dieses leise Gefühl, immer irgendwo ankommen zu müssen. Als gäbe es eine Ziellinie, hinter der endlich Ruhe wartet. Und irgendwann fiel dieser Satz, der mich den ganzen Tag begleitet hat. Der Weg ist oft schon das Ziel.

Ich weiß, klingt nach Postkarte. Aber in diesem Moment hat es sich plötzlich echt angefühlt. Vielleicht weil Chinese New Year genau das ist. Kein harter Neustart. Kein dramatisches Kapitel Ende. Eher ein sanftes Weitergehen. Ein kleines Verschieben der Perspektive.

Ich bin aus der Praxis rausgegangen und hatte dieses ruhige Gefühl, das man schwer erklären kann. Nicht euphorisch. Nicht traurig. Einfach klarer.

Zuhause habe ich mein Tagebuch aufgeschlagen und nochmal auf diese Liste geschaut. Nicht jammern. Nicht putzen. Keine negativen Worte. Ich habe ehrlich versucht, mich daran zu halten und habe dabei gemerkt, wie oft man sein Leben kommentiert, ohne es zu merken. Kleine Beschwerden, kleine Augenrollen im Kopf. Es war fast wie ein Spiel mit mir selbst. Und ja, ich habe wahrscheinlich trotzdem irgendetwas weggeräumt. Rebellin bleibe ich offenbar.

Fritzi lag neben mir und hat geschlafen, als wäre er der Einzige, der dieses ganze Konzept sofort verstanden hat. Merlin hat irgendwo in der Wohnung Musik angemacht und ich saß da mit meinem Stift und dachte mir, dass Rituale vielleicht gar nicht streng sein müssen. Sie sind eher kleine Pausen, die sagen, hey, vielleicht heute ein bisschen sanfter.

Am Abend gab es kein großes Dinner. Kein dramatisches Setup. Stattdessen Chinese Takeout. Warmes Essen in Boxen, die auf dem Tisch stehen, während man sich auf die Couch fallen lässt. Und ganz ehrlich. Es war perfekt. Kein Druck, kein Vergleich, kein Gefühl, etwas darstellen zu müssen.

Ich glaube, lange dachte ich, besondere Tage müssten sich spektakulär anfühlen. Aber vielleicht reicht es, wenn sie sich ehrlich anfühlen. Wenn sie Raum lassen für echte Gespräche, echte Gedanken und ein bisschen Humor über sich selbst.

Chinese New Year hat mich nicht verändert. Aber es hat mich kurz langsamer gemacht. Vielleicht beginnt ein neues Kapitel nicht mit einem großen Knall. Vielleicht beginnt es damit, dass man nachts die Haare wäscht, morgens mit einem beerigen Outfit hadert, mittags über Ziele spricht und abends Takeout auf der Couch isst.

Und vielleicht ist genau das das Ding mit den Regeln und Ritualen. Sie geben dir keinen neuen Menschen. Aber sie geben dir einen Moment, in dem du dich selbst wieder findest.