Frühlingsgefühle 

oder das seltsame Gefühl, wenn eine Season endet 

 Wien macht im Frühling etwas mit einem. 

Plötzlich scheint die Sonne durch Fenster, die man seit Monaten nicht geputzt hat. Menschen sitzen wieder draußen vor Cafés, als hätten sie den Winter kollektiv vergessen. Irgendjemand trägt schon Sandalen. Es sind zehn Grad. 

 

Und überall dieses Wort: Frühlingsgefühle. 

 

Man liest es auf Instagram. Man hört es im Radio. Man sieht es in diesen Videos, in denen Menschen plötzlich um sechs Uhr morgens laufen gehen, grüne Smoothies trinken und so tun, als wäre ihr Leben ein Pinterest Board. 

 

Ich stehe währenddessen in meiner halbfertigen Küche, schaue aus dem Fenster und denke mir: 

Interessant. Mein Gehirn fühlt sich noch ein bisschen nach Februar an. 

 

Nicht schlimm. 

Aber auch nicht nach Neubeginn. 

 

Eher wie dieses Gefühl, wenn man eine Serie fertig geschaut hat, die man eigentlich noch nicht beenden wollte. 

 

Der Abspann läuft. 

Man sitzt da. 

Und weiß kurz nicht so genau, was man jetzt machen soll. 

 

Der Winter ist nämlich eine eigene Season. Man merkt das erst, wenn sie vorbei ist. 

 

Im Winter passiert viel im Innenleben. Lange Gespräche, lange Gedanken, lange Spaziergänge, bei denen man versucht sein Nervensystem wieder einzufangen. Wien ist dann grau und still und irgendwie passt das zum Kopf. 

 

Man lebt langsamer. 

Man denkt mehr nach als einem lieb ist. 

 

Und dann kommt plötzlich dieser eine warme Tag im März. Menschen sitzen draußen. Der Hund bleibt länger im Park. Irgendwo bestellt jemand einen Aperol, obwohl es eigentlich noch viel zu früh im Jahr dafür ist. 

 

Und alle scheinen bereit zu sein für Neuanfang. 

 

Nur der eigene Kopf braucht noch kurz. 

 

Das Komische am Frühling ist nämlich, dass er Erwartungen mitbringt. Alles soll plötzlich leichter sein. Mehr Energie, mehr Motivation, mehr Leben. 

 

Es ist ein bisschen so, als würde die Welt sagen: So, jetzt aber. 

 

Und man selbst denkt sich nur: Vielleicht später. 

 

Vielleicht morgen. 

 

Vielleicht nach noch einem Kaffee. 

 

Ich glaube, niemand spricht wirklich darüber, dass Veränderungen auch traurig sein können. Selbst die schönen. Selbst die sonnigen. 

 

Der Frühling beendet etwas. Auch wenn wir das selten so sehen. Er beendet diese stillen Monate, in denen man sich ein bisschen verstecken konnte. In denen niemand erwartet hat, dass man besonders produktiv oder besonders strahlend ist. 

 

Der Winter erlaubt einem ein bisschen Chaos. 

 

Der Frühling möchte plötzlich Ordnung. 

 

Und irgendwo dazwischen sitzt man dann in Wien in der Sonne, blinzelt ins Licht und versucht herauszufinden, ob man sich jetzt eigentlich glücklich fühlen sollte oder einfach nur leicht verwirrt. 

 

Vielleicht ist das auch völlig normal. 

 

Vielleicht muss man im Frühling nicht sofort aufblühen. Vielleicht reicht es, langsam aufzutauen. So wie die Stadt selbst. 

 

Erst ein Spaziergang. 

Dann ein Kaffee draußen. 

Dann irgendwann wieder ein bisschen Energie. 

 

Und bis dahin darf man ruhig noch kurz in der letzten Season hängen. 

 

Serienfans wissen schließlich, wie das funktioniert. 

 

Nach dem Finale fühlt sich alles immer ein bisschen leer an. 

 

Bis die nächste Staffel beginnt. 🌷