Die Woche, in der ich beschloss, mein Gehirn zu sabotieren
Manchmal sitze ich irgendwo, einen Kaffee vor mir, und denke mir Dinge, die ich eigentlich gar nicht denken sollte. Diese Woche war so eine Woche. Und der Gedanke war dieser: Ich habe meine Medikamente gegen Panikattacken bewusst nicht genommen.
Nicht vergessen. Nicht "ach, heute überspring ich das mal". Nein. Eine durchdachte, fast philosophische Entscheidung eines Menschen, dessen Gehirn offenbar meinte, dass es Ferien von der Realität verdient hat. Und jetzt sitze ich hier und schreibe darüber, weil es war die dümmste Idee, die ich diese Woche hatte. Und das will was heißen.
Es war Montag, als ich mir dachte: "Hey, vielleicht brauchst du die ja gar nicht mehr. Vielleicht bist du ja geheilt. Vielleicht sind deine Panikattacken nur ein Mythos, den man sich erzählt, um interessanter zu wirken." Spoiler Alert: Das war nicht der Fall. Aber in diesem Moment fühlte ich mich unbesiegbar. Ich fühlte mich wie Carrie Bradshaw. Nur mit besseren Kaffees. Und einer Portion mehr Glück in Sachen Liebe.
Dienstag kam. Mein Körper meldete sich an. Mit voller Lautstärke. Es war wie ein Orchester, das plötzlich von klassischen Kompositionen zu einem chaotischen Metal Konzert wechselt, während das Publikum noch seine Champagnerflöten hochhält. Mein Herz klopfte wie ein übereifriger Nachbar mit einem neuen Schlagbohrer. Um 14 Uhr (an einem Dienstagnachmittag). Während ich eine banale E Mail schreiben wollte. Ich saß in meinem Couchsessel, starrte auf den Computer, und spürte, wie meine Brust enger wurde. Als würde sie sich zusammenziehen wie ein zu eng sitzender Mantel aus einem Second Hand Shop. Mein Gehirn sagte mir: "Du wirst sterben. Hier. Jetzt. Bei dieser E Mail über Krankenstände." Mein rationaler Verstand wusste, dass das nicht stimmt. Der irrationale Teil? Der schrie wie ein Kind, das verloren gegangen ist.
Bis Freitag hatte ich die ganze Palette durchgespielt. Und ich meine wirklich die ganze Palette. Herzrasen. Schweißausbrüche. Das Gefühl, dass die Wände näher rücken. Als würde ich in einem langsam zusammengedrückten Schuhkarton leben, während jemand unten Krafttraining macht. Ich saß auf meinem Sofa in meiner charmanten Wohnung, umgeben von drei halbvollen Kaffeetassen. Eine war wahrscheinlich von Montag. Eine von Dienstag. Eine, die ich komplett vergessen habe. Und ich blickte auf meinen Esstisch. Rechnung von 2023. Leerer Pizzakarton vom Mittwoch. Ein halb volles Notizbuch, das ich vor drei Monaten angefangen hatte. Das Notizbuch mit dem Cover "My Happy Bullet Journal". Happy und Bullet Journal im selben Satz zu verwenden, ist eigentlich kriminell! Ha! Stattdessen hatte ich ein neues Chaos. Ich lag da, auf meinem Sofa, unter einer Decke, die ich mir vor Jahren gekauft hatte, und dachte mir: "Das ist es. Das ist mein Leben jetzt. Ich bin so traurig, dass selbst die Musik in meinem Kopf melancholischer wird."
Und hier kommt die unbequeme Wahrheit: Ich wusste genau, was ich tat. Ich wusste, dass diese Medikamente funktionieren. Ich kenne dieses Gefühl, wenn die Medikamente wirken. Es ist wie wenn du zum ersten Mal an einen Ort kommst und dich dort sofort beruhigt fühlst. Es ist Erleichterung. Es ist Normalität. Ich wusste, dass ich mich ohne sie wie eine Marionette fühle. Dessen Fäden von meinem eigenen paranoiden Gehirn gezogen werden. Das sich anfühlt wie ein Regisseur, der das ganze Stück sabotiert. Aber irgendwie dachte ich mir: "Naja, probieren wir's halt mal ohne. Vielleicht bin ich ja stärker als meine eigene Neurochemie. Vielleicht bin ich ja die Hauptfigur in meinem eigenen Film und nicht nur eine Statiste in dieser chaotischen Komödie."
Das ist nicht mutig. Das ist nicht inspirierend. Das ist einfach nur blöd. Es ist wie wenn du dein Auto in die Werkstatt bringst, der Mechaniker sagt dir, du brauchst neue Bremsbeläge, und du antwortest: "Nah, ich fahre mal ohne und schaue, wie lange es gut geht. Vielleicht passiert ja nichts."
Spoiler: Es passiert was. Es passiert viel. Am Ende sitzt du umgeben von Trümmern und fragst dich, warum du nicht einfach auf den Mechaniker gehört hast.
Gegen Donnerstag hatte ich ein echtes Gespräch mit mir selbst. Nicht so eins, wo du den Spiegel anschaust und dir Motivations Mantras zuflüsterst wie eine Instagram Influencerin, die, ohne dass du ihr folgst, dennoch ein ständiger Bestandteil deines Feeds nach 21 Uhr ist.
Nein. Eins, wo ich mir selbst in den Hintern tritt und sage: "Was machst du denn für einen Scheiß?" Ich saß in einem Café. Weil man hin geht, wenn es einem schlecht geht. Man bestellt einen Kaffee. Und schaut alle an, als würde man gerade einen Roman schreiben. Und mir wurde klar: Das ist nicht schön. Das ist nicht "ich teste meine Grenzen". Das ist Selbstsabotage in ihrer reinsten Form. Das ist wie wenn du eine große Party planst. Alle deine Freunde einlädst. Die Wohnung dekorierst. Musik auswählst. Und dann beschließt, dass du selbst nicht kommen willst. Weil du zeigen möchtest, dass du so cool bist, dass du es nicht brauchst. Dumm. Einfach dumm. Und überhaupt nicht fair gegenüber den Menschen, die dich lieben.
Freitagnachmittag habe ich meine Medikamente wieder genommen. Und zugegeben, es hat mich mehr gerettet als jeder Selbsthilfe Ratgeber oder jedes Yoga Video es könnte. Mehr als jede Meditation auf einem Berg. Oder jede Affirmation, die mir jemand in die Kommentare schreiben könnte. Und wisst ihr was? Es war wie Magie. Nicht sofort. Aber innerhalb von ein paar Stunden spürte ich, wie mein Gehirn wieder in den Normalzustand zurückfuhr.
Wie ein Auto, das endlich wieder in den richtigen Gang geschaltet wird. Wie wenn man aus der Dunkelheit in ein helles Zimmer kommt und die Augen sich wieder an das Licht gewöhnen. Ich merkte, wie die Angst sich langsam aus meiner Brust zurückzog. Wie eine Flut, die sich zurückzieht und die Küste wieder freilegt. Plötzlich war die Welt nicht mehr ein bedrohlicher Ort. Die Wände rückten wieder auseinander. Mein Herz schlug normal. Ich konnte wieder atmen. Und es war so erleichternd, so wunderbar, dass ich fast weinen musste. Fast. Weil ich dafür bereits zu erschöpft war.
Und in diesem Moment hatte ich eine Erkenntnis. Sie ist vielleicht nicht besonders originell. Ich habe sie wahrscheinlich schon tausend Mal gelesen in verschiedenen Ratgebern. Auf verschiedenen Seelen Wellness Blogs. Aber manchmal sind die wichtigsten Lektionen eben nicht originell. Sie sind einfach wahr: Es ist nicht schwach, sich Hilfe zu holen. Es ist nicht uninteressant, Medikamente zu nehmen. Es ist nicht weniger cool, auf dich selbst zu achten. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Es ist verdammt erwachsen. Es ist klug. Es ist liebevoll gegenüber dir selbst. Diese Woche war mein Gehirn ein unruhiges Kind auf einem langen Flug ohne Tablet. Ohne Handy. Ohne irgendetwas, das es ablenkt. Es war anstrengend. Es war unbequem. Es war völlig unnötig. Aber es war auch lehrreich. Es hat mir gezeigt, dass ich nicht so stark bin, wie ich dachte. Und dass das absolut in Ordnung ist.
Hier ist meine Botschaft an alle, die wie ich sind. Die irgendwo auf dieser Welt leben. Die in ihren Lieblingscafés sitzen und sich fragen, ob sie stark genug sind, um ohne Hilfe zu funktionieren: Nehmt eure Medikamente. Nehmt eure Therapie an. Kümmert euch um euch selbst. Nicht weil ihr schwach seid. Sondern weil ihr klug genug seid, um zu wissen, dass ihr euch selbst helfen müsst. Dass Selbstschutz nicht Egoismus ist. Dass es ein Akt der Liebe ist, dich um deine mentale Gesundheit zu kümmern. Genauso wie du dich um eine teure Handtasche kümmern würdest.
Und nun entschuldigt mich. Ich muss noch zwei Tassen einsammeln, die seit Montag auf meinem Couchtisch stehen. Mir selbst versprechen, dass ich dieses Experiment nie wieder mache. Und ich brauche einen Kaffee. Einen richtig guten Kaffee. Irgendwo. Wo ich mich wieder ein bisschen weniger alleine fühle.